Russland Tour 2008

13.3. Los cojones fabulosos

Nachdem wir 2005 als erste deutsche Skaband in den wilden Osten gefahren waren, ging es im Frühjahr 2008 zum zweiten Mal nach Russland, eines der letzten großen Abenteuer für Rockbands, weil man da nie so ganz weiß, was einen erwartet.

Los cochones fabulosos
Zur Einstimmung auf die Tour gab es einen kleinen Überraschungsgig zusammen mit Fabis Band "The Neighbours" in der Glockenbachwerkstatt in München. Unter dem extrem einfallsreichen Pseudonym "Los cojones fabulosos" (Die fabelhaften Schwänze) wurden wir als mexikanische Skaband angepriesen, aber irgendwie war es bis zum Konzert wohl durchgesickert, wer da ein Stelldichein geben würde, weil im Publikum dann einige Mädels mit Benuts-Shirts waren. Das nächste Mal nehmen wir uns übrigens einen Namen, den der Konni auch aussprechen kann (z.B. Bienatz). Jede zweite Ansage blieb in dem Versuch stecken, diesen bescheuerten Namen endlich mal richtig auszusprechen.
Da wir um halb sechs Uhr morgens dann am Flughafen sein sollten, wurde die Nachtruhe kurzerhand durch ein Sit- und Bier-in beim Jens ersetzt. Ziemlich fertig erreichten wir dann den Flughafen, der entgegen einer komischen Theorie von Jesko über Flughafenöffnungszeiten bereits um fünf Uhr "geöffnet" hatte.

14.3. Endlich TV-Stars!!

Die Warteschlange bei der Einreise ist so lang und langsam wie eh und je, aber zumindest war kein Instrument kaputtgegangen (glaubten wir...). Als wir den Flughafen verließen kamen schon unser Tourbegleiter Andrej und eine Verantwortliche des russischen Musiksenders A1 auf uns zu. Aus irgendeinem Grund stiegen drei Leute in den bequemen TV-Bus ein und sechs in einen etwas kleineren Van. Die zweistündige Fahrt durch Moskaus Staus war dann auch nur für etwa ein Drittel der Band angenehm...


Der Sender A1 hat in einem Einkaufszentrum eine große TV-Bühne von der regelmäßig eine Sendung produziert wird, in der Bands live vor Publikum auftreten und danach noch ein kleines Interview führen. Die Show würden dann zwischen 150.000 und 350.000 Leute daheim sehen, wir sollten also bitte so richtig Stimmung machen.
Kein Problem, denkt man sich, aber dann kam der Haken: Auf Bitten der Tourmanager wurde das Publikum allerdings kurzfristig gestrichen, weil diese Einbußen beim Kartenverkauf des Moskauer Konzerts fürchteten. Also musste man soch eben vorstellen, dass eine wilde Masse frenetisch abfeiert.

Vorbereitungen
Doch vorher konnte Jens die anwesenden Russen noch davon begeistern, wie ein deutscher Ingenieur in windeseile eine kaputte Orgel ohne Werkzeug repariert (na gut, mit Feuerzeug und Gaffa-Tape).
Auf Sendung
Nach einem ersten Spaziergang durch den Vorort Moskaus ging's zu unserem eigentlich kulturellen Auftrag: Das russische Bier. Das schmeckte erwartungsgemäß gut, auch wenn bis zum Ende unserer Tour ständig Russen (und Russinnen) es gar nicht glauben konnten, dass wir ihr Bier mögen. Die Leute beim Sender tranken derweil ihr belgisches oder tschechischen Bier, natürlich auch nicht schlecht.
Nach dem Auftritt kam das Interview, das schon wieder ein kleines Problem mit sich brachte. Aufgrund des Halls konnten wir praktisch nicht verstehen, was wir eigentlich gefragt wurden, und Daniel und Olli rieten so ziemlich ins Blaue hinein mit den Antworten. Auf dem Mitschnitt konnten wir allerdings später feststellen, dass sie so in 80% aller Fälle, das Richtige antworteten.
Statt mit Bier, Weltkrieg und Oktoberfest assoziieren die Russen übrigens in erster Linie Pornos mit Deutschland, mal eine nette Abwechslung. Und so wurden wir dann auch gefragt, ob wir schon etwas mit einen Pornostar gehabt hätten (schweigen - darüber hatten wir auch noch nie nachgedacht) und wo man die in München am besten anträfe (nach eingehender Beratung würden wir die Leute ins Backstage, Atomic Café und Substanz schicken...)
Danach gab es noch einen Absacker, wieder viel Bier im "Tabula Rasa" wo wir übermorgen spielen sollten und dazu noch von lustig rosa bekleideten Menschen Kondome und Cds mit russischer Musik.Wir hatten dann auch noch das Glück, an dem Abend "Markscheider Kunst" eine Ska/Latin/Salsa Band aus St. Petersburg spielen zu sehen. Doch leider mussten wir vorzeitig weg, denn auf uns wartete ja schon der: Wodkatrain.

14.3. Wodka Train

Wenn man in Moskau von A nach B will, dann stellt man sich an die Straße und schon hält ein (zumeist dunkelgraues kleines) Auto und man verhandelt mit dem Mann über den Preis, versucht dann, circa 12 Leute und 25 Gepäckstücke auf drei kleine Ladas zu verteilen, und dann geht's los, und wenn man Glück hat, überlebt man alle Wendemanöver, rote Ampeln, Vorfahrtsmissachtungen und beinahe-Auffahrunfälle mit 90 km/h.

Na, dann is ja ois guad!!
Wenn man in Russland von Moskau in eine Stadt will (und die sind im Allgemeinen ja immer recht weit weg, weil Russland so riesig ist), dann nimmt man den Nachtzug, das klingt auf den ersten Blick seriöser und ruhiger. Zumindest wir dachten uns, wunderbar, dann würden wir morgen früh frisch und ausgeruht (mittlerweile waren wir mal wieder bei 2 Stunden Schlaf auf 50 Stunden Bier und Ska angekommen) St. Petersburg erreichen.
Leider stellte sich heraus, dass der gesamte Zug voll jugendlichen Hooligans war, weil am nächsten Tag Spartak Moskau in St. Petersburg ein wichtiges Spiel hatte.

Das einzige Bild vom Wodkatrain
Wir hatte auch sofort Freunde im Zug gefunden, die natürlich auch sofort unsere Trinkfestigkeit testen wollten, was wir uns nicht zweimal sagen ließen. Mittlerweile sind wir Fachleute für russisches Bier (Recht gut, oft einen sehr blumigen Geschmack), für russischen Wodka (im Zug in allen Varianten und Preisklassen vorhanden), russischen Whiskey (der kam leider ziemlich spät, daher weiß keiner mehr so genau, wie der geschmeckt hat) und russischen Wein (eine Art Portwein aber mit ganz anderem Nachgeschmack, schwer zu beschreiben).

Hier folgt ein kleiner Exkurs über "Russische Tradition": Vorsicht Leute, wenn's darum geht, weil man dann ganz schnell ganz ganz stark betrunken ist (Siehe z.B. Jens, Jesko, Konni und weitere Benuts). Am besten macht man es wie die meisten Russen und trinkt sein Glas bei jedem Wodka-Prost nicht ganz aus, das kriegt bei mäßig hellem Licht eh keiner mit. Gegen eine weitere Einladung helfen nur entweder der Verweis auf eine geschädigte Leber oder der Hinweis, dass das Glas ja noch voll sei. Wenn man Glück hat, kommt irgendwann irgend ein Betrunkener vorbei und nimmt euer Glas einfach mit. Dann aber vorsicht, sonst habt ihr gleich wieder ein neues Volles. Ein weiterer Trick ist, die Umstehenden einfach derart zuzulabern, dass alle das Trinken vergessen (Siehe z.B. Fabian).

Die Hooligans waren übrigens schwer beeindruckt von unserem Trinkvermögen und versprachen, nach dem Spartak-Spiel noch auf unser Konzert zu kommen, was unsere Tourleiter wiederum in helle Panik versetzte. Auch von unserer Geselligkeit und unserem Durst waren diese gar nicht sooo begeistert, weil sie befürchteten, unser Konzert am nächsten Tag könnte darunter leiden (die hatten offenbar noch keinen Tourbericht von uns gelesen).
So um fünf Uhr wurde dann mit Fabian der letzte Benut dazu überreden, nun doch mal schlafen zu gehen, als er gerade mit acht russischen Hooligans und einem Serben heiß über den Kosovo-Konflikt und die Geschichte des Balkans diskutierte.

15.3. Gribojedov Club, St. Petersburg

Der Zug, den wir in der Nacht noch "Wodka Train" getauft hatten (vielleicht schreiben wir noch ein Liedchen drüber...), war übrigens am nächsten Morgen fast komplett zerstört. Unser Abteil war eines der wenigen, in dem wenigestens die Fenster noch heil geblieben waren.
Dummerweise haben wir in unserem Zustand nicht daran gedacht, hier ein Foto zu machen, sondern waren beschäftigt, den Simon zu finden, der uns im Gedränge vom Bahnhof von St. Petersburg abhanden gekommen war.
Dann ging es erst einmal in den Gribojedov Club, dem derzeit angesagtesten Club St. Petersburgs in einem alten Luftschutzkeller. Nach dem Frühstück und den ersten Guten-Morgen-Bieren und Mojitos (natürlich wegen der Vitamine) gab es eine Stadtführung durch St. Petersburg.
Kurz vor dem Soundcheck kam dann die Hammermeldung: MTV Russia war gekommen und wollte mit uns ein Interview führen. Um ein paar Bilder zu haben wurde gleich noch der Soundcheck aufgenommen, in dem ein total schlaftrunkener Konni mit Sturmfrisur gelangweilt in sein Mikro jodelt und gar nicht mitbekam, dass da eine Kamera auf ihn gerichtet war. (Mittlerweile 7 Std Schlaf auf 75 Stunden und nicht zu vergessen die Mischung aus Bier, Wodka und Mojito im Magen.) Gut, dass das Filmteam dann noch zum Auftritt da blieb und auch diesen filmte, der war (ganz trocken gesagt) wohl einer der besten Benuts-Auftitte jemals. Auch das Interview wird dank Sätzen wie "That's exactly what I wanted to say" (Konni, nachdem er sich das Mikro erkämpft hatte) oder "This tells a lot about Russia" (Jens über die gefälschten Eintrittskarten bei unserer letzten Russland-Tour)in die Analen der Popmusik eingehen.


Konni in Aktion
Stagediving
Das Konzert im Gribojedov Club zeigt (wie oben bereits angedeutet) mal wieder, dass Benuts immer dann am besten sind, wenn sie total kaputt sind. Sowohl Konni als auch Jesko taten es den vielen Stagedivern nach und nahmen während dem Konzert ein Bad in (bzw. auf) der Menge. Nach dem Konzert hätten wir gern noch ein wenig mit den Leuten palavert, von mehreren Seiten wurden wir auf Wodka eingeladen und einige Mädchen waren auch nicht ohne, Martin (unser Posaunist, der für Mike mitgekommen war) machte sogar seinen ersten Fankuss....
Die vielen Einladungen auf Wodka mussten wir dann leider zum größten Teil ausschlagen, denn die Veranstalter drängten uns, wir müssten sofort weg, damit wir den Nachtzug noch erwischen. Erst im Auto sagten sie uns, dass wir noch eine Stunde hätten (der Club lag zu Fuß 20 Minuten vom Bahnhof), aber in Russland wüsste man nie, was dazwischen kommt. Im Nachhinein war es doch ganz gut, so lange Zeit gehabt zu haben, weil schon der Biereinkauf eine Viertelstunde brauchte. Zuerst glaubte die Verkäuferin, uns nicht zu verstehen, als wir versuchten, 36 Bier und 8 Wasser in schlechtem Russisch zu bestellen. Und dann brauchte sie (ohne Übertreibung) etwa eine halbe Minute pro Dose, um diese in eine Plastiktüte zu geben.

15.3. Nachtzug nach Moskau

Mangels Hooligans hatten wir im Zug endlich einmal die Möglichkeit etwas Schlaf nachzuholen. Darüber waren wir so glücklich, dass wir erst einmal noch ins Bordrestaurant des Zuges gingen, um gemeinsam noch gemütlich einen Absacker zu trinken. Weil das Restaurant allerdings fast schon wieder in St. Petersburg lag (ein Marsch von mindestens zwei Kilometer durch schnarchende, schlafende Leute), wollte sich keiner auf den Rückweg machen. Am Ende mussten etwa 20 Bier und 4 Flaschen Wodka daran glauben, und Simon, Veith (unser neuntes Mitglied und immerwährender Mischer), Fabian und Jesko machten die Nachhut, die bis zum frühen Morgen weiterzechte.

Ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte, und soll man da noch groß darüber sagen....
Paaaaaaaaaatiii
Und alle waren sie da...
Zwischen diesem Bild und dem ersten der nächsten Seite gibt es 2483 Unterschiede, finden Sie diese!!!

16.3. Wieder in Moskau


Tontechnikerleiche am Bahnsteig...
Das wir ewig brauchten, bis die ganze Band ins "Taxis" verfrachtet war, lag wohl daran, dass die Taxler Angst hatten, bei solchen Mitfahrern, wäre ihr Schein in Gefahr (in Russland gibt es eine 0,0 Promille-Grenze).
Aber am Ende haben wir sogar Veith und Jens und ihre zusammen geschätzen sechs Promille bis zum Club gebracht. Dort wurde Equipment abgeladen und die Leute verteilten sich auf diverse Appartements um zu duschen. Einige sahen Kusturica-Filme auf Russisch, einige ein bisschen was von der Stadt, Jens beschloss, dass so ein halber Rausch Geldverschwendung wäre und verbrachte den Nachmittag mit Biertrinken, und ein paar kamen in den Genuss von richtig genialem russischen Ska (Cnacibo, Vladimir!!).
Als wir so um fünf Uhr Soundcheck machten, konnten einige in der Band noch immer nicht gerade gehen (Veith) oder schon wieder nicht mehr (Jens).
Vor dem Konzert gab es noch ein Interview von einer deutschen Produktion im Rahmen einer Reihe über russische Underground-Bands, und wir als eine der ganz wenigen deutschen Band nach Russland kommen, konnten natürlich auch ein wenig über unsere Erlebnisse und Erfahrungen sprechen.
Dann füllte sich langsam der Club, einige Leute kamen, weil sie uns vor drei Jahren schon gehört hatten, einige auch nach der TV-Ausstrahlung auf A1 (eigentlich wollten sie schon dort dabei sein). Vor uns spielten "Kiosk", "Private Radio" und "Skalpel", deren Bassist unser Konzert in St. Petersburg organisiert hatte und im letzten Nachtzug beim Bechern irgendwie komplett die Stimme verloren hatte. Da war es gut, dass Konni das gleiche erst ein Tag später passierte: Er kam bei dem Konzert nämlich so in Fahrt, dass er nicht nur das womöglich längste Vocal-Solo der Benuts-Geschichte hinlegte, sondern sich auch so verausgabte, dass er am nächsten Tag eigentlich kaum noch etwas sagen konnte.

Tabula Rasa Rai
Obwohl uns durchaus andere Türen offen gestanden hätten (...), lief der Abend dann in gemütlicher Runde bei viel Bier und Wodka in einer Wohnung unseres Tourteams aus, in der so mancher nicht mehr alt wurde (wir sind mittlerweile bei 12 Stunden Schlaf auf über 100 Stunden Tour...).
Am Ende endlich am Ende, und zwar endgültig

17.3. Heimflug

Erst um elf gab es diesmal das ogligatorische russische Frühstück mit Blyni (Kreuzung aus Maultaschen und Tortellini), Rahm, Bier und Wodka (den aber ausnahmsweise JEDER dankend ablehnte...). Jens und Fabian spielten etwas Gitarre, Konni versuchte sich dazu auf einer Melodika, die ihm aber irgendwann unter Applaus aller von Daniel weggenommen wurde, und der Rest suchte in russischen Kontaktforen vergeblich nach Frauen aus München. Irgendwann in dieser Apathie kam dann der Gedanke auf, dass wir das touristische Moskau noch gar nicht gesehen hätten, und so brachen die neun relativ hektisch ohne Begleitung auf, um sich durch den russischen Großstadtdschungel zu kämpfen und dabei wunderschöne touristische Fotos zu schießen, um in der Masse der anderen Touristen nicht weiter unangenehm aufzufallen.
Beim Lenin?
Weil man ja nie weiß, was in Russland passiert, brachen wir vier Stunden vor Check-in zum Flughafen auf. Leider passierte wieder mal nichts und so verbrachten wir die restlichen drei Stunden mit Warten und sahen uns hübsche Beine an (British Airways wurde bei unserem internen Vergleich unangefochtener Sieger).
Es versteht sich übrigens selbst, dass auf Konnis extreme Flugangst wie immer uneingeschränkt Rücksicht genommen wurden (Konni: Ihr seid so eine Scheissband!)

Unser Tourbus zum Flughafen
Dann waren wir wieder daheim. Ursprünglich wollten wir nur zwei Konzerte spielen. Am Ende waren es dann drei Konzerte, davon eines für einen TV-Sender mit ca 200.000 Zuschauern, drei Interviews (je in Russisch, Englisch und Deutsch) und sogar einen Beitrag für MTV Russia, der zur Primetime gesendet wurde, inklusive einem kompletten Konzertmitschnitt.
Die Bilanz darf sich sehen lassen....
Martin, Olli, Veit, Fabian, Jens, Daniel, Jesko, Simon und unten auch noch der Konni...
Darauf noch einmal ein kräftiges Nastrowje.

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